2026 war das Jahr, in dem die KI im Handel aufgehört hat, ein Textwerkzeug zu sein. Sie kauft jetzt ein. Was daraus 2027 wird, lässt sich an drei Dingen ablesen: an den Protokollen, die gerade entstehen, an den ersten Händlern, die damit live gehen, und an dem, was in den meisten Unternehmen noch fehlt. Hier liest du, wohin es geht und was davon dich wirklich betrifft.
Der Kauf verlässt den Shop
Die wichtigste Verschiebung ist unspektakulär zu beschreiben und trotzdem groß: Der Kaufabschluss wandert aus dem Onlineshop heraus in die Oberfläche, in der gesucht wird. OpenAI hat dafür im September 2025 das Agentic Commerce Protocol samt Instant Checkout vorgestellt, Google zog im Januar 2026 mit dem Universal Commerce Protocol nach, und Visa kündigte im April 2026 eine Zahlungsabwicklung an, die mehrere dieser Protokolle unterstützt. Shopify hat mit der Fall-’26-Edition den Verkauf im KI-Modus von Google und in der Gemini-App geöffnet.
Damit ist die Infrastruktur da. Was fehlt, ist die Gewohnheit. Genau darum wird 2027 das Jahr, in dem sich zeigt, ob Menschen einen Agenten für sich kaufen lassen oder ob sie doch lieber selbst klicken.
Was der Handel selbst erwartet
Eine Untersuchung des EHI zeigt, dass sich rund sechs von zehn Handelsunternehmen mit Systemen beschäftigen, die Kaufprozesse weitgehend eigenständig steuern. Die Erwartungen liegen dabei fast vollständig im Onlinehandel, im stationären Geschäft rechnen nur gut sechs Prozent mit einem starken Effekt.
Konkret wird es bei dm: Der Drogeriekonzern will Anfang 2027 einen KI-Einkaufsagenten in die eigene App bringen, zunächst für Einkaufslisten und Warenkörbe, später mit automatischer Kaufabwicklung. Das ist die realistischere Variante dessen, was kommt. Nicht der eine große Agent, der alles kauft, sondern viele kleine, die in der App des Händlers sitzen, den man ohnehin nutzt.
Vorsicht bei den großen Zahlen
Rund um dieses Thema kursieren beeindruckende Prognosen. In einer Umfrage unter mehr als 600 Verantwortlichen aus dem Enterprise-Handel erwarten über neunzig Prozent, dass KI-Agenten bis 2027 mindestens ein Fünftel der Onlinebestellungen beeinflussen. Andere Schätzungen reichen bis zu Billionenbeträgen für den agentengestützten Handel.
Solche Zahlen stammen fast immer von Anbietern oder Beratungen, die ein Interesse am Thema haben, und sie messen oft „beeinflusst“ statt „gekauft“. Das ist ein erheblicher Unterschied. Wer heute seine Jahresplanung darauf stützt, plant auf Sand. Wer das Thema ignoriert, verpasst allerdings den Aufbau, der Jahre dauert. Dazwischen liegt die vernünftige Haltung.
Der eigentliche Engpass sind die Daten
In derselben EHI-Untersuchung steht die Hürde, die wir in Projekten ständig sehen: Datenqualität und Datenverfügbarkeit. Ein Agent liest keine Hochglanzbilder und keine Produktbeschreibung, die aus drei Adjektiven besteht. Er braucht Fakten in strukturierter Form.
- Eindeutige Kennzeichen. GTIN oder EAN pro Variante, keine Sammelartikel ohne Nummer.
- Vollständige Attribute. Maße, Material, Farbe, Gewicht, Inhalt, Passform. Alles, wonach jemand filtern könnte, gehört ins Feld und nicht in den Fließtext.
- Ehrliche Verfügbarkeiten. Ein Agent, der eine Bestellung auslöst und dann eine Absage bekommt, kommt nicht wieder.
- Klare Regeln. Versandkosten, Lieferzeiten, Rückgabefristen, Zahlungsarten, maschinenlesbar und überall gleich.
Das Schöne daran: Diese Arbeit zahlt sich sofort aus, lange bevor der erste Agent vorbeischaut. Gepflegte Produktdaten verbessern die eigene Suche, die Filter, die Anzeigen, die Marktplatzanbindung und die Sichtbarkeit bei Google. Man investiert also nicht in eine Wette auf 2027, sondern in den Laden von heute.
Was daneben noch kommt
- Bezahlen durch Agenten. Einmal nutzbare, tokenisierte Kartennummern und Wallets, die im fremden Checkout funktionieren. Für Händler heißt das vor allem: neue Betrugsmuster und neue Regeln für Rückbuchungen.
- Retail Media. Werbeplätze im eigenen Shop als Einnahmequelle, bisher ein Thema der Großen, zunehmend auch für mittlere Händler mit genug Reichweite.
- Weniger Daten, mehr Kontext. Mit wegfallenden Drittanbieter-Signalen zählt, was du selbst erhebst. Newsletter, Kundenkonto und Kaufhistorie werden wertvoller.
- Barrierefreiheit. Kein KI-Thema, aber eine Pflicht, die viele noch vor sich herschieben. Sie fällt auf die Füße, sobald jemand klagt.
Was wir Händlern für 2027 raten
Nichts davon verlangt ein Großprojekt. Die sinnvolle Reihenfolge ist: erst die Produktdaten in Ordnung bringen, dann prüfen, welche Angaben dein Shopsystem bereits an Agenten ausliefert, dann klein testen, etwa mit einem Teil des Sortiments. Und dabei messen, ob darüber wirklich Bestellungen kommen, statt sich von Prognosen treiben zu lassen.
In den kommenden Tagen schauen wir uns an, was das konkret für die beiden Systeme bedeutet, mit denen wir am meisten arbeiten: zuerst Shopify, dann Shopware. Wer unterdessen Hilfe bei den Produktdaten braucht, findet bei unseren Kolleginnen und Kollegen den passenden Ansprechpartner.